Ein goldener Mercedes, zweitausend Kilometer Landstraße und ein Mann, der beweisen will, dass aus ihm jemand geworden ist.

Ein Onkel von mir ist in den Neunzigern einen ganzen Sommer lang nicht nach Griechenland gefahren, weil er noch dasselbe Auto fuhr wie im Jahr davor.

Ich war ein Kind und fand das albern. Ich finde es bis heute albern. Verstanden habe ich es trotzdem irgendwann, und zwar genau in dem Moment, in dem mir klar wurde, dass es nie um das Auto ging.

Tunç Okan hat 1992 einen ganzen Film über diese Albernheit gedreht. Sarı Mercedes, der gelbe Mercedes, nach Adalet Ağaoğlus Roman Fikrimin İnce Gülü. Die Hauptfigur heißt Bayram, gespielt von İlyas Salman: türkischer Gastarbeiter in München, Straßenkehrer, jahrelanger Sparer und schließlich stolzer Besitzer eines Mercedes-Benz 350 SE der Baureihe W116. Der großen, teuren S-Klasse. Mit ihr fährt er zurück in sein anatolisches Heimatdorf. Zu den Menschen, die sehen sollen, dass aus Bayram jemand geworden ist.

Es geht schief. Natürlich geht es schief.

heimweh.

Die ersten Gastarbeiter aus dem Süden waren keine Akademiker, im Gegenteil. Es waren Menschen, die von der Armut in der Heimat geplagt waren und dem Ruf Deutschlands in der Hoffnung auf ein besseres Leben gefolgt sind. Heute kaum vorstellbar, aber meine Großeltern haben zum Beispiel Prämien von ihren Arbeitgebern bekommen, wenn sie weitere Leute aus der Heimat dazu motivieren konnten, nach Deutschland zu kommen.

Hier angekommen waren sie, wie der Name schon sagt, Gäste in einem fremden Land, das sich gesellschaftlich schon damals, ähnlich wie heute, sehr gegen die Ausländer gewehrt hat. Wirklich willkommen war man in der Regel nur in der Firma.

Die Sehnsucht nach der Heimat war logischerweise allgegenwärtig. Hier konnte man überleben und Geld machen, mein Opa sprach oft von der „goldenen Zeit des Arbeiters“. Der Preis dafür war trotz eines Teils der Familie vor Ort eine gewisse kollektive Einsamkeit. Strände, Natur, Landschaften und Farben der Heimat wurden gegen dreckige Industriehallen getauscht, das Leben außerhalb der Arbeit fand oft in irgendwelchen Hinterhöfen der Gastarbeiter-Ghettos statt.

Da wächst die Sehnsucht auf den Sommer, wenn man für ein paar Tage oder Wochen zurückfahren konnte. Und dort wollte man zeigen, dass es sich gelohnt hat. Eine Überkompensation des Schattens, den der Gastarbeiteralltag geworfen hat.

Dazu kam die andere Seite. Für viele in der Heimat galt das Weggehen als Verrat oder als Flucht. Würde man genauso wiederkehren, wie man gegangen ist, würde das den ganzen Aufwand und das Opfer stark relativieren. Man muss also irgendwie zeigen können, dass man es zu etwas gebracht hat. Man muss etwas mitbringen, das diese Tatsache unterstreicht.

Ein Haus in München sieht das Heimatdorf nicht. Eine Gehaltsabrechnung versteht keiner. Aber ein Mercedes? Der lässt keine Fragen offen.

bayram.

Bayram ist als Waisenkind aufgewachsen. Geringgeschätzt, übersehen, einer von denen, über die im Dorf geredet wird und nicht mit denen. Deutschland war für ihn mehr Rettungsfantasie statt Plan: irgendwo weit weg gibt es ein Leben, in dem er nicht der ist, der er hier ist.

Er schafft es tatsächlich. Und Okan lässt in Rückblenden nach und nach durchscheinen, dass dieser Platz nicht umsonst war. Jemand anderes hat dafür bezahlt. Der Film hebt sich diese Rechnung bis zum Schluss auf und sie ist der Grund, warum aus dem vermeintlich harmlosen Gurbetçi-Roadmovie am Ende etwas ziemlich Finsteres wird.

In München kehrt er Straßen. Jahrelang legt er jede Mark zur Seite, die nicht unbedingt ausgegeben werden muss. Und weil er weiß, dass Straßenkehren im Dorf keine Geschichte ist, mit der man zurückkommt, erfindet er sich eine bessere: Er sei Ingenieur bei BMW. Das ist die Figur, bevor das Auto überhaupt ins Bild kommt. Ein Mann mit einem Beruf, den er versteckt, einer Herkunft, die er loswerden will und einer Lüge, die ein Fahrzeug braucht, damit sie hält.

…und man muss es gleich sagen: Bayram ist kein besonders sympathischer Mann. Er ist großspurig, egoistisch, eitel, opportunistisch und zeitweise ziemlich schwer zu ertragen. Er redet mit seinem Mercedes liebevoller als mit manchen Menschen. Eine junge Frau, die keine Lust hat, von ihm angefasst zu werden, will nicht mit ihm schlafen und er hört nicht auf. Er fährt schließlich einen Mercedes, wie kann sie nur. Das ist für mich die unangenehmste Stelle des Films, weil sie mir jede Achtung vor dem Protagonisten nimmt. Und das liegt nicht nur an den Werten, die ich vertrete.

Hinter der lächerlichen Überhöhung des Fahrzeugs steckt trotzdem etwas sehr Menschliches: der Wunsch, irgendwann irgendwo anzukommen und „Seht her, ich habe es geschafft!“ sagen zu können.

der benz.

Ein W116 350 SE, Baujahr Mitte der Siebziger. V8, Automatik, Stern auf der Haube, Gold. Subtil ist anders. Aber Subtilität war auch nie der Sinn der Sache.

Autotechnisch ist die Wahl übrigens präziser, als sie wirkt.

Der W116 ist die erste offizielle S-Klasse und war 1974 Europas Auto des Jahres, das Flaggschiff schlechthin. Der 350 SE wiederum ist der kleinste Achtzylinder der Baureihe, also der günstigste Weg zu einem echten V8 mit dem richtigen Stern darauf. Bayram kauft nicht das beste Auto, das man kaufen kann. Er kauft das billigste Auto, das von außen aussieht wie das beste. Das ist entweder tragisch oder clever, je nachdem, wie freundlich man an diesem Tag gestimmt ist.

Er tauft ihn Balkız. Honigmädchen. Man nennt kein Werkzeug so.

Und genau da beginnt das Problem, lange bevor die erste Beule im Blech ist. Balkız ist gar kein Auto mehr, sondern Bayrams Selbstwertgefühl auf vier Rädern. Er kauft keinen Mercedes, weil er ein außergewöhnlich gutes Fahrwerk schätzt. Er kauft sich einen Beweis dafür, dass sich alles gelohnt hat: Deutschland, Arbeit, Sparen, Fremdsein, die ganze Scheiße, die man als Ausländer in Deutschland ertragen muss und natürlich die Einsamkeit.

Die Ankunft hat er sich im Kopf längst geschnitten. Der Mercedes rollt ins Dorf. Die Leute drehen sich um. Der Stern glänzt. Bayram steigt aus. Ende.

Nur hat das Leben bekanntermaßen eine gewisse Abneigung gegen Drehbücher, die wir selbst dafür schreiben.

die reise.

Die Grenze ist die Ziellinie, denkt Bayram. Tatsächlich ist sie der Startschuss.

Istanbul. Der goldene Mercedes schiebt sich in die Stadt und Okan lässt die Tonspur eskalieren: türkische Lieder überlagern sich gegenseitig, dazwischen schneidet Tschaikowskis Vierte durch, alles gleichzeitig, nichts davon leise. Es ist kein Soundtrack, es ist ein Nervenzusammenbruch mit Orchester. Bayram sitzt hinter dem Lenkrad, als säße er auf einem Thron, sieht das Meer und gratuliert sich laut selbst dazu, dass er es bis hierher gebracht hat. Der Wagen ist zu diesem Zeitpunkt noch makellos. Es ist der letzte Moment, in dem das stimmt.

Der Stern. An einer Pause irgendwo in der Stadt lässt er den Wagen kurz allein. Als er zurückkommt, ist der Stern von der Haube gedreht. Was bleibt, ist ein Gewindeloch. Alles andere am Auto ist noch heil, es fährt, es glänzt, es sind zwei Tonnen Mercedes. Aber das eine Bauteil, das aus zweihundert Metern Entfernung erkennbar ist, das eine Teil, wegen dem das ganze Projekt überhaupt existiert, ist weg.

Die Fähre. Autofähre, Deck voller Fahrzeuge, Balkız mittendrin und dadurch automatisch das Ausstellungsstück. Menschen gehen zwischen den Autos hindurch, schauen und Bayram tut, was er am besten kann: sich inszenieren. Hier lernt er die Friseurin Ayfer kennen. Ausgerechnet auf dem Wasser, dem einzigen Streckenabschnitt, auf dem er das Auto nicht selbst kaputtfahren kann, funktioniert seine Nummer noch.

Der Esel. Anatolische Landstraße, Hitze, leerer Horizont. Ein Esel läuft ihm ins Bild. Vollbremsung, der große Wagen taucht vorne ein und Bayram steckt den Kopf aus dem Fenster und beschimpft ein Tier, das ihn nicht versteht und dem der Mercedes vollkommen egal ist. In dieser einen Einstellung steckt der ganze Film: Bayram brüllt eine Welt an, die seinen Status schlicht nicht anerkennt.

Der Stein. Ein LKW vor ihm wirbelt einen Stein hoch, die Windschutzscheibe bekommt einen Riss. Bayram will den Fahrer stellen, zieht rüber, gibt Gas und fährt dabei über grobes Geröll, das ihm die Vorderachse ruiniert. Das ist die böseste Pointe des Films und sie dauert zwei Sekunden: Er beschädigt sein Auto stärker beim Verteidigen als beim Fahren. Genau das macht er den ganzen Film über auch mit sich selbst.

Der Mähdrescher. Am Ende ist es ein Mähdrescherfahrer, dessen Rücksichtslosigkeit die Sache endgültig kippen lässt. Bayram greift im entscheidenden Moment zur Hupe statt zur Bremse und das ist keine Regieschwäche, sondern die konsequenteste Charakterentscheidung des ganzen Drehbuchs. Er hupt, weil Hupen bedeutet: Weißt du eigentlich, wer ich bin? Balkız überschlägt sich.

Dazwischen: Nummernschild, Stoßfänger, Rücklicht, Blech. Balkız wird Stück für Stück zerlegt. Was Bayram jahrelang aufgebaut und poliert hat, zerbröselt innerhalb einer einzigen Reise.

demontage.

Irgendwann schaut man nicht mehr auf den Mercedes und denkt: Der schöne W116, er zerfällt. Sondern man erkennt, dass mit jedem Schaden am Auto auch etwas von Bayrams sorgfältig gebauter Identität abfällt: Der Mann wollte makellos ankommen, also sorgt das Universum dafür, dass überhaupt nichts makellos ankommt. Der Mercedes wird hässlicher, Bayram wird ehrlicher. Und das nicht unbedingt freiwillig.

Das ist die Bewegung des Films und sie läuft exakt gegenläufig: Je weniger Auto übrig ist, desto mehr Mensch sieht man.

materialismus?

Man kann Sarı Mercedes sehr bequem als Geschichte über Materialismus lesen. Armer Gastarbeiter fährt nach Deutschland, verdient Geld, kauft sich einen Benz, wird überheblich und bekommt dafür vom Leben auf den Sack. Ich finde, damit wäre der Film ziemlich unterfordert. Denn das Interessante ist nicht, dass Bayram einen Mercedes liebt, sondern warum er ihn braucht.

Ein Gegenstand kann vieles sein: Status, Erinnerung, Werkzeug, Trost, Familienmitglied, Freiheit, Beweisstück, manchmal alles gleichzeitig. Deshalb halte ich die reflexhafte Vorstellung, eine starke emotionale Bindung an Dinge sei automatisch oberflächlicher Materialismus, für ziemlichen Unsinn.

Ich kenne das Gegenteil.

Autos, deren ideeller Wert überhaupt nichts mit ihrem Marktwert zu tun hat. Autos können Erinnerungen konservieren. Gerüche. Stimmen. Hände am Lenkrad. Eine bestimmte Macke im Lack. Eine Fahrt, die zwanzig Jahre zurückliegt. Einen Menschen, der nicht mehr da ist.

verschobene realität.

Wer könnte Bayram theoretisch besser verstehen als ich mit der Geschichte meines E90? Der Wagen hängt mir mehr am Herz, als mir lieb ist, während er dem Rest der Welt scheißegal ist. Bayram macht nur etwas grundlegend anderes: Er versucht nicht, Vergangenheit festzuhalten. Er versucht, Vergangenheit zu überschreiben.

Das ist der entscheidende Unterschied. Sein Mercedes soll nicht daran erinnern, wer er ist, sondern dafür sorgen, dass niemand mehr sieht, wer er einmal war. Deshalb darf Balkız keinen Kratzer haben, denn jeder Kratzer im Lack ist auch ein Kratzer in der Geschichte, die Bayram über sich erzählt. Die BMW-Ingenieurs-Lüge braucht ein Auto, das sie deckt.

Das macht den Film erstaunlich modern. Heute braucht man dafür keinen 350 SE mehr, Instagram reicht. LinkedIn tut es im beruflichen Umfeld sogar noch zuverlässiger. Schließlich sind wir alle unglaublich erfolgreich, angekommen, dankbar, Unternehmer und natürlich Visionäre. Wir stehen um 4:30 Uhr auf, trinken irgendeinen grünen Dreck und haben bereits zwölf Kilometer absolviert, während andere Versager noch schlafen.

Bayram hätte diese ekelhaft geheuchelte Welt geliebt. Er hätte vierzig Fotos von Balkız gepostet. Am Tag.

Und irgendwo außerhalb des Bildes würde er weiterhin Straßen kehren. Straßenkehren ist per se nichts Schlechtes, im Gegenteil. Aber er selbst glaubt, dass es etwas ist, das man verstecken muss, und das ist seine eigentliche Tragödie. Nicht, dass er wenig besitzt, sondern dass er glaubt, wenig zu sein.

zwischenwelt.

Gleichzeitig ist Sarı Mercedes natürlich ein Film über Migration. Nicht die Migration aus Statistiken, Talkshows oder politischen Sonntagsreden, sondern die merkwürdige Zwischenwelt.

Bayram lebt in Deutschland, aber sein Publikum sitzt in der Türkei. Er arbeitet hier für eine Version seiner selbst, die dort Eindruck machen soll. Deutschland gibt ihm Geld, aber keine Heimat. Die Türkei gibt ihm Herkunft, aber ebenfalls keine wirkliche Heimat mehr. Also hängt er irgendwo auf einer Straße zwischen München und Anatolien. Mit deutschem Kennzeichen, türkischer Sehnsucht und einem Mercedes.

Ein Auto ist ein erstaunlich brauchbares Zuhause für Menschen, die zwischen Orten leben. Das kann ich nur bestätigen. Du setzt dich hinein, machst die Tür zu, und plötzlich ist es egal, ob draußen Deutschland, Österreich, Italien, Griechenland oder, wie in diesem Fall, die Türkei vorbeizieht. Das Armaturenbrett, der Geruch, der Klang der Maschine bleiben dieselben. Für ein paar tausend Kilometer besitzt man seine eigene kleine Welt – und das grenzübergreifend. Vier Räder, ein Lenkrad, Heizung oder Klima, fertig.

Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb gerade in Migrantenbiografien Autos eine Bedeutung bekommen, die Menschen ohne diese Erfahrung schwer nachvollziehen können. Sie sind nicht nur Fortbewegungsmittel, sie verbinden Welten.

welches zuhause?

Was mich an diesem Film aber wirklich bekommt, ist die Rückreise selbst. Vielleicht muss man zwischen zwei Ländern aufgewachsen sein, um zu verstehen, dass „nach Hause fahren“ ein merkwürdiger Satz sein kann. Welches Zuhause? Das, aus dem man losfährt? Oder das, zu dem man fährt?

Man kann vierzig Jahre irgendwo leben und trotzdem bei einer bestimmten Landschaft das Gefühl bekommen, gerade erst wieder Luft zu holen. Gleichzeitig verändert sich dieser Ort ohne einen. Menschen leben, sterben, heiraten, verändern sich. Die Uhren drehen sich trotz eigener Abwesenheit auch in der Heimat weiter. Häuser verschwinden, Straßen werden gebaut. Kinder werden zu Erwachsenen und Erwachsene zu Greisen. Erinnerungen dagegen haben die unangenehme Eigenschaft, sich nicht mitzuentwickeln. Sie warten einfach im konservierten Zustand. Das ist die Falle, in die wir Ausgewanderten tappen.

Bayram fährt deshalb nicht nur durch die Türkei, sondern in eine Erinnerung hinein, und erwartet ernsthaft, dass dort noch alle an genau der Stelle stehen, an der er sie verlassen hat. Natürlich tun sie das nicht. Kezban, seine Jugendliebe, die er heiraten möchte, hat weitergelebt. Das Dorf hat weitergelebt. Nur Bayrams Vorstellung stagniert.

Das ist die brutalste Erkenntnis jeder Rückkehr: Die Heimat wartet nicht auf dich.

vier richtungen.

Am Ende erinnert der Mercedes mehr an Mad Max als an ein Honigmädchen und Bayrams große Inszenierung funktioniert nicht, denn die Vergangenheit lässt sich nicht beeindrucken. Schlimmer noch: Sie stellt Fragen zurück. Der Mann, der beweisen wollte, dass er endlich jemand geworden ist, steht am Ende ziemlich allein da und wir wissen inzwischen, was er dafür getan hat.

Der Film endet an einer Kreuzung mit vier Richtungen, und keine davon führt dorthin, wo Bayram hinwollte. Fast ein bisschen zu offensichtlich. Aber manchmal darf Kino offensichtlich sein, vor allem, wenn vorher neunzig Minuten lang ein goldener 350 SE dafür geopfert wurde.

Okan hat sieben Jahre an dem Film gedreht, von 1987 bis 1992, in einer Koproduktion zwischen Türkei, Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Es hat sich gelohnt: bester Regisseur, bester Schnitt und bester Zweitfilm beim Goldenen Orangen-Festival in Antalya, bester Hauptdarsteller für İlyas Salman in Ankara, dazu der FIPRESCI-Preis beim Istanbuler Filmfestival. Verdient. Denn trotz all seiner Groteske erzählt Sarı Mercedes etwas erstaunlich Präzises über Menschen, die äußeren Erfolg gegen innere Unsicherheit eintauschen wollen.

Eine Person war allerdings deutlich weniger begeistert: Adalet Ağaoğlu selbst. Die Romanautorin hat sich später darüber beschwert, den fertigen Film erst im Kino gesehen zu haben, und dass die politischen Schärfen ihres Buchs auf dem Weg zur Leinwand verloren gegangen sind. Sie mochte den Film nicht. Eine Fußnote, aber eine, die man kennen sollte, bevor man diese Verfilmung als endgültige Fassung der Geschichte behandelt.

Mich macht er ehrlich gesagt traurig und das aus mehreren Gründen.

Zum einen wird in einer wahnsinnig gelungenen Kameraführung die Tragödie der Heimfahrt jener Zeit deutlich: Unfälle, Pannen, Tote, Chaos. Und alles davon deckt sich mit den Geschichten meiner Familie, als ich klein war. Heute können wir uns diese Umstände nicht mehr vorstellen. Zum anderen, weil ich von Bayram und seinem Egoismus unfassbar genervt bin, vor allem von seinem Umgang und seinem Denken mit Frauen. Und trotzdem tut er mir leid, denn im Endeffekt ist er eine verlorene, unbeachtete und vor allen Dingen verletzte Seele.

Sehenswert? Ja.

Es ist eher ein Roadmovie als eine Komödie und die Umstände sind so miserabel, dass ich ihn mir kein zweites Mal anschauen werde.

Und mein Onkel? Ich finde es immer noch albern. Ich lache nur nicht mehr darüber.


Sarı Mercedes (international Mercedes mon Amour)
Türkei / Deutschland / Frankreich / Schweiz, gedreht 1987–1992, Kinostart in der Türkei 1993
Regie und Drehbuch: Tunç Okan, nach dem Roman Fikrimin İnce Gülü (1976) von Adalet Ağaoğlu
Hauptrolle: İlyas Salman als Bayram
Fahrzeug: Mercedes-Benz 350 SE, Baureihe W116