Mit dem letzten Artikel aus dem ehemaligen AUTODROM, starte ich nun auf dieser neuen Seite. Pünktlich zu meinem 40. Geburtstag veröffentliche ich nicht nur meine neue Website Dromokratis, sondern auch den einzigen Artikel, der als Brücke zwischen der alten und neuen „Welt“ verstanden werden kann.
In diesem Sinne: Willkommen auf „dromokratis.com“.
Vor vielen Jahren nannte ich das „AUTODROM-Magazin“ mein Eigen. Ein Automagazin „fernab von Leasingraten und Verbrauchswerten – der Treffpunkt für Enthusiasten“, die Geschichten über Beziehungen zwischen Mensch und Maschine lesen wollten. Während der Corona-Zeit wurde es gehackt. Alles weg: Artikel über meine BMW-E39-Geschichte, besondere Autos die ich fahren durfte, der ganze Vorrat für künftige Ausgaben. Ein geplatzter Traum.
Und doch gibt es einen Überlebenden: Mein letzter Artikel aus dieser Zeit, den ich nie veröffentlicht habe. Der beste hätte er werden sollen. Heute, sechs Jahre später, berührt er mich auf eine ganz andere Art. Schließlich bin ich der ganzen Thematik seither näher als damals. Ich habe ihn umgeschrieben und angepasst, sodass er auch heute zu „DROMOKRATIS“ passt.
Nissan Skyline R32 GT-R.
2004.
Gran Turismo II auf der PlayStation One. Erste Rennen erfolgreich beendet, meinen Toyota AE86 verkauft und vom Ersparten einen dunkelgrauen Nissan Skyline R32 GT-R gekauft, in „gun metal grey“, um präzise zu sein. Was für ein Triumph. Controller weg, Moment genießen. Zwar nur als stark in die Jahre gekommene Pixelparty, aber ich fahre jetzt Skyline GT-R. Rennlizenzen bestanden, Klassenaufstieg, Rennerfolge und nun ganz offiziell Skyline-Fahrer. Das Leben kann so schön sein.
2020.
Sechzehn Jahre später. Mit meinem BMW zu Besuch bei Speedaholics Detailing: Petrolhead-Geschwätz, gute Laune, Fachsimpeleien. Plötzlich bebt die Erde und ich höre einen Klang, den ich in all den Jahren zu gut kenne. „Das ist doch ein RB26DETT!!!“ – just in dem Moment fährt ein dunkelgrauer Nissan Skyline R32 GT-R mit NISMO-Kriegsbemalung in die Halle.
Mein über Jahre perfektioniertes virtuelles Traumauto hat den Sprung vom Bildschirm in die reale Welt gemacht. Der R32 war und ist mein absolutes Traumauto, obwohl ich bis zu diesem Moment noch nie einem so nah kommen konnte. Es gibt kaum ein Auto, dem so viele Geschichten und Mythen anhängen wie „Godzilla„. Und jetzt, wo ich vor dem Wagen stehe, verstehe ich warum selbst dieser Name pures Understatement ist.


Die breiten Kotflügel, die geradlinige Karosserie, diese Proportionen aus einer anderen Welt. Bis zu diesem Moment fand ich den E30 ganz cool. Nach ungefähr dreißig Sekunden Skyline wirkt ein E30 so spannend wie eine Scheibe Brot. Trockenes, unbelegtes Brot von vorgestern.
the driver.
Natürlich war da die Neugier, wer so ein Auto besitzt. Allen Klischees nach dürfte hier entweder ein Typ mit umgedrehter Cap und Vape aussteigen oder die europäische Variante von Bunta Fujiwara. Zu meiner Verwunderung stieg einer der sympathischsten Menschen aus, die mir je begegnet sind. Jens hat den Skyline selbst so aufgebaut, beantwortete entspannt meine Flut an Fragen und schien meinen Fanboyismus gut zu vertragen.
Über die Leistungsdaten schweigt er, ein internationales Phänomen unter Skyline-Fahrern. Die Kurzfassung: mehr als ausreichend. Mit meinen Worten: mehr als du dir vorstellen kannst und willst. Wenn der Wagen voll beschleunigt, kommen die originalen Benzinpumpen nicht hinterher, sodass andere Biester eingebaut sind. Noch Fragen?
aussen hui, innen geil.
Armaturenbrett, Türschalen, Sicherheitszelle, zwei Bride-Vollschalen. Braucht so ein Auto mehr? Laut ist der RB26DETT natürlich auch, aber nicht brachial unausgewogen wie getunte Motoren oft klingen. Hier erklingt eine Symphonie. Sechszylinder liebe ich, das ist kein Geheimnis. Aber der RB26DETT ist eine ganz andere Bestie. Infernalisch passt in jeder Hinsicht.


erstes date.
Wenige Wochen nach unserem ersten Treffen stand ich vor seiner Halle und wartete aufgeregt bis der japanische Sportler um die Ecke kam. Trotz der extremen Proportionen wirkt der R32 in Bewegung leichtfüßig, nahezu artistisch. Ein Gundam Fighter in Ballettschuhen.
Die Halle verdient eine bessere Bezeichnung als Halle. Diese Mischung aus Bar, Club, Werkstatt und Showroom ist für einen Petrolhead das Paradies auf Erden. Erinnerst du dich an Han’s Zuhause in Tokyo Drift? Genau das. Nur besser. Wären da nicht ein paar deutsche Kennzeichen, könnte diese Einrichtung auch in einem japanischen Vorort sein, wo sich Akina Speed Stars auf ihre Downhill-Rennen vorbereiten – und nein, damit meine ich keine Fahrräder.
Echte Profis. Alles wirkt benutzt, man sieht dass hier gearbeitet wird. Kein Show’n’Shine, keine Garage-Queens, kein leeres Geschwätz und kein Ego, das an einem Auto hängt. Trotz Skyline.
im fokus.
Der Wagen hat Fahrspuren. Nicht kaputt oder verkratzt, aber man sieht dass dieses Auto wirklich gefahren wird.
„Das ist keine Garage Queen“
sagt Jens. „So ein Auto will gefahren werden.“ Ich nicke, finde aber keine Worte.


Die GT-R-charakteristischen runden Rückleuchten, unzählige Male über meinen Bildschirm geflimmert, sehen in echt unspektakulär bezaubernd aus. Mit meinem Finger fahre ich über das rot-blaue GT-R-Emblem am Heck. Die Legende des unbesiegbaren Godzilla. Von Keiichi Tsuchiya über Fast & Furious bis Gran Turismo und Initial D. Und ich mittendrin.
Im Innenraum thront mein Hintern in den Bride-Schalen. Das OEM-Lenkrad, original gelassen, ich mag das. In der Szene scheint es das Normalste zu sein, Lenkrad und Schaltknauf als erstes zu tauschen. Mein Blick bleibt am Drehzahlmesser hängen. 10.000 Umdrehungen pro Minute ist eine Ansage. In meiner Erinnerung höre ich den Sound aus Gran Turismo – ob er in Wirklichkeit auch so klingt?
start your engines.
Es ist eng im Skyline. Motor- und Getriebetemperatur übertragen sich schnell. Geräuschdämmung existiert vermutlich nur auf dem Papier. Jedes mechanische Geräusch ist nachvollziehbar, man spürt alle Zahnräder, jede Pumpe, jeden Zylinder. Angenehm überraschend: nichts klappert, nichts dröhnt.


Wenn der Motor zu untertourig fährt, wird das Gemisch so fett, dass er beim nächsten Gasstoß durch den Auspuff zündet. Das ist nicht Kevins Golf der einen Furz lässt, das ist eine Explosion, die bei Nacht alles hinter dem Auto zum Leuchten bringt. Godzilla spuckt also wirklich Feuer.
Beim Beschleunigen wird man nicht in den Sitz gepresst. Es fühlt sich nach freiem Fall an. Ich bin beeindruckt wie Jens nach dem Schub lässig lächeln kann. Nicht weil er sein Abendessen noch mal durch den Kopf gehen lässt, sondern weil er hier seinen Traum lebt. Auf dem Aufkleber am Heckspoiler steht „Don’t hope, work hard!“, das erklärt alles.
eins.
Projektautos kommen und gehen. Menschen verändern sich, ihre Umstände auch und mit ihnen die Autos. Viele vollenden Projekte, um sich einem neuen zu widmen. Andere, wie ich, werden vom Leben so gezeichnet, dass kein Platz mehr bleibt. Jens und der Skyline sind jedoch eins. Das gibt es selten. Ich habe es über Jahre beobachtet, bis ich es endlich sehen konnte: Es ist nicht „Jens und sein Auto“. Es ist einfach Jens. Der Skyline ist Jens und Jens ist der Skyline. Klingt so banal wie es auch ist wenn man es einmal sieht.
2026.
Sechs Jahre sind vergangen. Vieles hat sich verändert: Jens, der Skyline, ich. Die Kriegsbemalung ist passé, das neue Lackkleid lässt den R32 in komplett neuem Glanz erstrahlen. Jens ist Vater geworden. Der Skyline hat eine Metamorphose hinter sich, die perfekt ins Gesamtbild passt.
Mein Blickwinkel hat sich verschoben. Ich stehe nicht mehr draußen und bewundere. Ich bin mittendrin: beruflich, emotional, mit der Kamera, mit den Händen, mit Leib & Seele. Für mich hängt der tatsächliche Wert eines Autos davon ab, was es einem ermöglicht, wo es als Eintrittskarte funktioniert, welchen Bereich der eigenen Welt es aufschließt. Auch wenn ich meine „Madeleine“ vermisse und aktuell mit einem verhältnismäßig modernen BMW E90 unterwegs bin, nehmen Autos immer mehr Raum in meinem Leben ein, mehr denn je sogar. Schließlich muss ich kleinlaut zugeben, dass ich meinen E39 nicht so benutzt habe wie ich hätte sollen, aber das ist eine andere Geschichte.

Adiós, AUTODROM.
Dieser Artikel war der letzte aus dem AUTODROM. Unveröffentlicht, sechs Jahre im Archiv. Heute erscheint er hier, als einer der ersten Texte auf Dromokratis aus einer anderen Zeit. Nicht weil er nostalgisch ist. Sondern weil er zeigt, wo das alles herkommt. Ich habe ihn neu geschrieben, angepasst und meinen Wortlaut so umgestellt, dass ich mich nicht schämen muss heute sowas zu veröffentlichen. Trotzdem hat er nichts seiner ursprünglichen Magie verloren. Im Gegenteil, so passt er in die Zeit.
Schließlich ist der kleine Junge mit der PlayStation nicht mehr da. Gut so. Die Gravitation des R32 GT-R auf mich ist dennoch ungebrochen, auch wenn ich in der Zwischenzeit der Meinung bin, dass es gut ist wenn das ein Traum bleibt.
