
Ferry Terminal Ancona, 7:10 morgens.
Frühstück mit den Tauben bis der Ticketschalter öffnet und ich einchecken kann. Die Nacht habe ich hinter mir.
Familienerbe.
Die ganze Geschichte.
August 2023, Ground Zero. Während mein Dad in der Crona-Klinik in Tübingen liegt und darauf besteht, dass wir trotz seiner Erkrankung unseren lang ersehnten Urlaub antreten, fliegen wir nach Griechenland. Am Flughafen in Kavala angekommen, halte ich Ausschau nach meinem Onkel, der uns mit dem Wagen meines Vaters abholen wollte – vergeblich. Nach rund 45 Minuten in der Hitze und sinkender Laune der Kinder nehmen wir uns ein Taxi nach Hause in unsere Wohnung. Meinen Onkel erreiche ich nicht.
Zuhause werde ich fast panisch: Wo ist Papa’s Auto? Da er krankheitsbedingt nicht fahren konnte, fuhr ihn damit mein Onkel zum Flughafen, es hieß er habe den Wagen danach vor unsere Wohnung gestellt.
Schlimmer als ein Scheunenfund finde ich Papa’s BMW unter einem Gebüsch vorm Haus, gänzlich in weiß-grauem Staub eingedeckt und schmutziger als ich es mir je hätte vorstellen können. Zum Glück musste mein Dad das nicht mit ansehen wie mit seinem Auto umgegangen wurde. Ich meine auch dass ich vergessen habe es ihm mitzuteilen.

Nach der professionellen Reinigung mit dem Gartenschlauch: Er sieht nicht mehr nach Scheunenfund aus. So kann ich meinem Dad sein Auto wieder bringen.
Erstes &
letztes Mal.
Beim Einsteigen und einstellen des Sitzes konnte ich mir im entferntesten Sinne nicht denken oder gar vorstellen dass es das letzte Mal sein wird, weil ich den BMW nie wieder zurückgeben können werde.
Wir hatten es seit Jahren so gemacht: Im späten Frühjahr fuhr mein Dad mit dem Auto nach Griechenland. Im Sommer kamen wir nach, während er für diese Zeit nach Deutschland zurückflog, sodass wir als Familie gemeinsam Urlaub machen konnten. Im Spätsommer flogen wir wieder nach Deutschland und er zurück nach Griechenland. Einige Wochen später trat auch er mit dem Auto die Heimreise an.
Somit konnten wir auf den Mietwagen verzichten und alle waren während des Aufenthalts Zuhause in Griechenland mobil. Ich selbst bin zu dem Zeitpunkt noch nie nach Griechenland gefahren mit dem Auto, zumindest nicht selbst. Das letzte Mal, als ich meinen Eltern diese Reise mit dem Auto antrat, hatte ich noch keinen Führerschein.
28. August 2023
Happy Birthday. Meinen 37. Geburtstag starteten wir früh morgens mit der Fahrt nach Igoumenitsa, um von dort aus mit der Fähre nach Ancona in Italien überzusetzen. Durch die sich täglich überschlagenden Ereignissen in der Klinik in Tübingen, mussten wir unseren Urlaub abbrechen. Zum Glück konnte ich noch Tickets für die Fähre bekommen, allerdings hat Last Minute auch seinen Preis: Keine Kabine.
Es wäre einfacher die Streckenabschnitte zu nennen, an denen der Wagen auf dieser Reise unter 200 km/h fuhr. Ich fuhr wie besessen durch halb Griechenland, halb Italien, Österreich und Deutschland. Dass ich meinen Führerschein noch habe, der BMW alles mitgemacht hat und dass wir vier noch atmen ist der Beleg für die Existenz Gottes. Kurz nach Mitternacht am nächsten Tag kamen wir in Deutschland an und nur wenige Stunden später war ich in der Tübinger Klinik. Auf die Ereignisse dort gehe ich nicht weiter ein.

28. August 2023: Happy Birthday.
Ich bin fertig mit der Welt. An das, was in mir in dieser Zeit vorgegangen ist, möchte ich im Grunde gar nicht mehr denken. Wie ich das geschafft habe, weiß ich bis heute nicht.
erbannahme.
Erst als mein Vater während seiner letzten Tagen im Hospiz mich auf den E90 ansprach, wurde mir bewusst, dass ich dieses Auto wohl nie wieder zurück geben können werde. Freude sieht anders aus. Als meine Mutter verstarb, übernahm ich Papa’s Clio und ich hasste jeden Tag erneut die Tatsache, warum ich dieses Auto besaß. Nun passierte das gleiche mit dem 3er meiner Mama, den mein Papa damals übernahm. Ich bin an der Reihe, dieses Erbe nun weiter zu führen.
Es ging so weit, dass ich eines Tages beschloss, mich sogar von meinem geliebten BMW E39 „Madeleine“ zu trennen, denn ich konnte eher damit leben, das Auto wegzugeben, dass ich mit meinem Vater aufgebaut hatte, als das Auto, dass ich mit meinen Eltern wirklich gelebt habe. Er ist im Moment mein einziges „besonderes“ Auto. Obwohl es nicht immer leicht ist mit dem schönen E90. Obwohl es seit nun einiger Zeit mein Auto ist und ich damit schon mehr erlebt habe als mit allen anderen Autos zusammen, fühlt es sich immer noch so an, als würde ich ihn nur halten und erhalten, bis ich ihn eines Tages meinen Eltern wieder zurückgeben kann – was natürlich niemals passieren wird.
Ein Andenken erhält man,
ein Erbe führt man weiter.
Ich versuche mich am Gedanken „Ein Andenken erhält man, ein Erbe führt man weiter.“ zu halten, tu mich jedoch etwas schwer daran. Ständig habe ich das Gefühl, den Wagen nicht verändern oder verschandeln zu dürfen, da ich ihn komplett original von meinen Eltern bekommen habe. Es fühlt sich falsch an den Wagen an meine Bedürfnisse anzupassen, kämpfe aber noch mit mir.
Seit der E90 in meiner Hand ist, sind wir gemeinsam vier Mal nach Griechenland und zurück gefahren. Eine Reise, die sich wie eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft anfühlt und auf eine nicht nachvollziehbare und abstruse Art meinen Vater ehrt, der diese Route so oft alleine gefahren ist, damit ich mit meiner Familie Urlaub machen können. Es ist aber mehr als das, es ist eine Reise, die einen jedes Mal erneut verändert – unabhängig davon ob man sie alleine oder in Gesellschaft antritt.
Ich möchte das Erbe dieses Wagens auf die schönste Form, nämlich die des Erhaltens weiterführen. Die Geschichte wird weitergeschrieben, nur dass ich diesmal die „Feder“ in der Hand führe.

Nicht nur die Griechenland-Reisen haben uns verbunden: Auch die täglichen Fahrten ins Hospiz nach Münsingen waren prägend. Wie kann man solch einen Begleiter, der so viel getragen hat, loslassen?
Zukunftspläne.
In meinem Artikel „Wenn keiner mehr aussteigt“ bin ich auf die Vorgeschichte des Wagens bevor er zu mir kam eingegangen, weshalb ich mich nun nicht wiederholen möchte. Hier blicken wir gemeinsam nach vorn, in die Zukunft und dem, was noch kommen wird. Und ja, ich werde dieses Auto restaurieren, um ihn möglichst lange auch fahren zu können.
Ein letztes Mal soll er mich nach Griechenland bringen. Ein letztes Mal die Reise, um diese ganz bewusst zu zelebrieren und danach den schönen BMW von dieser Aufgabe befreien. Da wir in Zukunft vermutlich diese Reisen mit unserem VW T5 fahren werden, liegt es auf der Hand dass ich den E90 schonen kann. Er soll trotzdem bewegt und gefahren werden, dafür sind Autos da. Aber die große Belastung ist vorerst dann vorbei. Trotzdem möchte ich diese Reise mit komplett neuen Achsen und Fahrwerk sowie Software machen.
Auch möchte ich ihn hier und da meine Person etwas näher bringen, schließlich ist der BMW E90 320d mit gemachtem N47 Motor und Upgrade-Lader sowie Wagner Ladeluft-Kühler ein Traum zum fahren.
