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  • wenn die allergie aussetzt.

    wenn die allergie aussetzt.

    Ich habe eine Katzenallergie. Wenn ich den Tierchen zu Nahe komme oder mich in ihr „Revier“ begebe, löst das in der Regel eine unschöne allergische Reaktion aus. Dabei mag ich die Tierchen eigentlich. Eigentlich. Schließlich sind Katzen in der Regel Arschlöcher, denen völlig egal ist was mit dir ist. Sie holen sich was sie wollen und hauen ab. Mit Großkatzen dieser Größenordnung hatte ich bislang jedoch nicht zu tun.

    Seit je her pflege ich eine Vorliebe für das Design und die Ästhetik britischer Automobile: MINI, Jaguar, Rolls Royce, MG, Morris und wie sie alle heißen. Während die deutschen Autohersteller eine kühle Dynamik oder das berühmt-berüchtigte German Understatement wahren, die Franzosen doch lieber verspielt sind und die Italiener extravagant schön, haben die Briten diese eigensinnige Ästhetik mit Holz, Leder und Chrom. Dazu schöne Lenkräder, meistens auch mit Holzring und Armaturenbretter, die ihrem Namen gerecht werden.

    Das Problem: Man assoziiert diese Automobile mit Fertigungstoleranzen jenseits von Gut und Böse und desaströser Technik, die vieles ist außer Potent und zuverlässig. Wie könnte man es nur wagen einen britischen Motor mit deutscher Ingenieurskunst zu vergleichen? Ohne genau zu wissen warum, zieht man einen großen Bogen um britische Automobile. Selbst als BMW Rover kaufte änderte sich das kaum. Dabei üben ebendiese Autos eine unerklärliche Gravitation auf mich aus.

    Ein Q-Tip aus Metall.

    Als ich etwa 12-13 Jahre alt war und damals mit meinem Fahrrad Pfullingen und Reutlingen unsicher machte und die Autohäuser nach Prospekten abklapperte, fand ich mich des Öfteren im damaligen Ford-Autohaus in Reutlingen, das auch Jaguar verkaufte. Ein Jammer, dass ich die Prospekte nicht mehr habe. Ich erinnere mich jedoch daran, wie ich vor dem damaligen XJ stand und mich nicht einmal traute zu fragen ob ich mal einsteigen darf. Die Proportionen dieser Limousinen war selbst zu jener Zeit aus meiner Sicht sämtlichen Mercedes oder BMW haushoch überlegen: Tief, breit, lang. Geduckt, als bereite sich der Wagen auf einen Angriff vor. Eine Katze, die zum Sprung ansetzt. Heute verstehe ich sogar die Metapher. Ebenso in mein kindliches Gehirn eingebrannt hat sich der Innenraum aus feinstem Leder und Holz. Das einzige was ich damals irgendwie lächerlich fand war der Autoschlüssel, der genauso scheiße aussah wie die Ford-Schlüssel zu jener Zeit: Ein hässlicher Q-Tip aus Metall. Bestenfalls will man sich damit das Ohr kratzen aber einen Jaguar damit aufschließen grenzt an Blasphemie.

    Jaguar XJ-2C.

    IHRE AUTOWERKSTATT Frederikspark in Norderstedt im Juni 2026. In der neuen Klasiker Halle filme ich gerade Content, als mir das weiße „XJ Serie 2“-Coupé auffällt. Wie ein Ganove streune ich einige Male um den Wagen und fühle mich direkt in meine Kindheit zurückversetzt. Da sind wieder diese Proportionen: Lang, Breit, Tief und gleichzeitig aggressiv zum Sprung ansetzend, jedoch mit einer Ruhe die wirklich nur katzenähnliches Getier beherrscht. Nur diesmal in Barock, in alt, aus einer vergangenen Ära in der Luxusautomobile das Wort „Luxus“ noch auf eine ganz andere Art definierten als heute.

    Das schwarze Vinyl-Dach streckt den ohnehin schon tiefen Jaguar optisch noch einmal und gibt dem weißen Auto eine weiteren Eyecatcher. Sattsehen fällt mir schwer. Doch da ist ein kleiner aber feiner Unterschied zu damals im Ford-Autohaus in Reutlingen: Ich bin kein Kind mehr dass fragen muss – ich kann tun und lassen was ich will, schließlich bin ich mit fast-40 selbst für mein Tun verantwortlich.

    Lack, Leder, Holz & Metall.

    Mit einem tiefen Klacken entriegelt der metallene Türgriff die Tür und es fühlt sich an, als kommen mir rund 300kg rahmenlose Schönheit entgegen. Außen weiß lackiert, innen mit dickem schwarzen Leder, Metallapplikationen und ordentlich Holz gekleidet. Die Tür alleine verdient eine eigene Bühne. Kunststoff? Den gibt’s woanders. Hier dominieren Leder, Holz und richtiges echtes aufpoliertes Metall. Das spürt und riecht man vor allem. Die britische Stube riecht nach Wohnzimmer. Man ist geneigt sich einen Whiskey einzuschenken und nach dem ersten Schluck tief einzuatmen um diese edlen Geruch tief zu inhalieren. Ich mag zwar keinen Whiskey aber so stelle ich mir das vor. Eigentlich sollte man sich schämen auch nur dran zu denken eine IQOS in der Kiste zu „zünden“ – es müssen schon Zigarren sein oder, wenn es Zigaretten sein müssen, John Player Special oder sowas. Ich bin geneigt wieder anzufangen zu rauchen, Rothmans wie damals.

    Aber nein, ich möchte diese Gerüche mit nichts übertünchen, das wäre kriminell. Im restlichen Innenraum geht das Spiel genauso weiter: In Holz eingelassene analoge Anzeigen, ordentlich Holz, Metall und Leder. Selbst die wenigen Stellen, an denen Kunststoff verbaut wurde, wirken massiv, schließlich handelt es sich um richtig dicken, Hochglanz-Kunststoff statt Standard-Plastik. Die Drehschalter in der Mittelkonsole klacken mechanisch beim Drehen und vor meinem geistigen Auge sehe ich schon wie es dahinter verlötet ist und wie die Kabel aussehen anstelle von grünen Leiterplatten. Wie mein erster alter britischer Gitarrenverstärker, ein Orange OR120 von 1974. Alles fühlt sich höchst fertig an und wirft die Frage auf, wann und warum wir Menschen eine Plastiklandschaft in unseren Autos akzeptiert haben. Das Lenkrad ist das einzige Element, dass meinen Geschmack so gar nicht trifft. Die kleine Prallplatte mit dem Jaguar-Emblem wirkt zwar hochwertig, aber irgendwie unschön. Ein Nardi-Lenkrad würde sich hier perfekt einfügen und ein bisschen mehr Kontrolle suggerieren. Trotzdem will ich nicht mehr aussteigen.

    Lowrider.

    Der Blick auf die Beifahrerseite offenbart ein weiteres cooles Highlight, dass ich in vielen modernen Autos Coupés vermisse: Keine B-Säule. Lässt man beide Scheiben runter, entsteht eine riesige Öffnung. Ein anderer Begriff als „sexy“ fällt mir da leider nicht ein.

    Alles, was glänzt am Jaguar, innen wie außen, ist aus richtigem echten Metall. Vom Türgriff über die beiden Tankdeckel erinnert alles an feinste ordentliche Mechanik statt Kunststoff-Müll. Sogar die zweifarbigen Stahlräder wirken so perfekt, dass man nicht einmal im Traum dran denkt, diese durch Alus zu ersetzen. Der Zahn der Zeit hat auch bei diesem Wagen seine Spuren hinterlassen und im Moment befindet er sich noch im Aufbau – im Vergleich zu anderen Fahrzeugen ist dieser jedoch wie guter Wein gealtert, die Patina erzählt eine ganz eigene Geschichte.

    Verliebt bin ich nicht in den Wagen, aber höchst beeindruckt. Dieser kurze Besuch im britischen Wohnzimmer hat gereicht, um einige Grundfeste zu hinterfragen. Seit ich mit Leica M fotografiere, fühlen sich alle anderen Kameras an wie billige Spielzeuge. Nun hat sich mein Benchmark auch was Automobile betrifft nochmal geändert. Ich zweifle stark daran ob das wirklich was Gutes ist.

    Unvernünftig & unzuverlässig?

    In den nächsten Tagen hat mir dieses Thema keine Ruhe gelassen, sodass ich das Gespräch zu meinem Kollegen und Jaguar-Spezialisten im Team Stefan aufgesucht habe. Theorien kann jeder spinnen, aber echte Antworten gibt es nur beim Experten, der diese Autos seit vielen Jahren kennt, repariert und schon „alles gesehen“ hat. Die Frage nach der Unzuverlässigkeit winkt er ab und erklärt mir die Thematik ausführlich. Grob zusammengefasst kann ich wiedergeben, dass diese Autos als Neuwagen entsprechend gekostet haben, wodurch sie auch vom entsprechenden Klientel gekauft wurden. Nach rund drei Jahren – ist ja heute nicht anders, erst recht im Luxussegment – kamen viele auf den „freien Markt“ mit einer entsprechend geringen Nachfrage, sodass die Preise fielen.

    Das Problem: Eine einfache Inspektion bei Jaguar kostete damals schon mehrere Tausend Mark, sodass die Pfennigfuchser, die sich mal eine große Kisten leisten wollten, andere Wege einschlugen: Im besten Fall hat eine nicht qualifizierte Werkstatt ihr Glück versucht und den Wagen irgendwie am Leben erhalten, wenn auch nicht nach Herstellervorgaben. Im schlimmsten Fall jedoch hat man den kompletten Service einfach nicht gemacht. Das Ergebnis ist schlecht gewartete Technik, zum Teil sogar ungewartete. Diese kann nur Probleme machen, auch wenn sie, wie im Falle Jaguar, zum größten Teil rein mechanisch ist.

    Dezidierte Werkstätten gibt es kaum, Spezialisten in dem Gebiet sind rar. Dass ich auf Stefan gestoßen bin, ist in dem Fall großes Glück. Selbstverständlich laufen die entsprechenden Mercedes, BMW und andere deutsche Hersteller aus der Zeit und in dem Segment deutlich zuverlässiger – schließlich kennt sie hierzulande nahezu jede Werkstatt und rein technisch gesehen unterscheidet sich ein BMW 7er nur marginal von einem BMW 3er. Wer den 3er reparieren kann, schafft auch den 7er. Doch Jaguar? Merkste selbst, ne?

    Der „Leica-Effekt“.

    Ich kann und möchte nicht sagen dass ich einen Jaguar haben will. Auch lasse ich mir ungern öffentlich in die Pläne schauen was meine zukünftige Automobile Kaufentscheidung sein wird, aber leider (!) Schleicht sich auch hier der von mir „Leica-Effekt“ genannte Effekt ein: Jedes Auto, in das ich seitdem eingestiegen bin, fühlt sich plötzlich billig an und ich stell mir erneut die Fragen wann wir Menschen uns damit abgefunden haben uns in Plastik verpackt transportieren lassen zu wollen.

    Obwohl ich seit nun wirklich über 25 Jahre begeisterter Enthusiast bin, blicke ich nun mit einem anderen Verständnis und Anspruch auf Autos. Ob das wirklich ein Vorteil ist, wage ich zu bezweifeln. Da ich nach dem ersten Mal mit Leica M fotografieren über die nächsten Monate komplett zu Leica M gewechselt habe, würde es mich nicht wundern, wenn nach dieser Erfahrung auch etwas Adäquates in meinen Fuhrpark landet.